Tele-Lotto: Das DDR-Lotto hatte 430-mal bessere Chancen. Was das für Spieler wirklich bedeutete
Ab Januar 1972 zog das DDR-Fernsehen jeden Sonntag fünf Zahlen aus 35, und jede Zahl brachte einen kurzen Film: bei der 19 einen Kurzkrimi, bei der 32 einen Trickfilm. Der Hauptgewinn war rund 430-mal leichter zu treffen als der heutige Lotto-Jackpot, und der Staat musste 60 Prozent der Einsätze ausschütten, bei 6aus49 sind es 50. Wir haben die Verordnungen gelesen, die die Regeln festlegten, nachgerechnet und die überlieferten Gewinne damit abgeglichen. Die besseren Chancen sind dabei das Unwichtigste.
Sonntag, 19 Uhr: Die 19 ist der Kurzkrimi
Am Sonntag, dem 9. Januar 1972, lief um 19 Uhr im 1. Programm des DDR-Fernsehens zum ersten Mal „Tele-Lotto“. Gezogen wurden fünf Zahlen aus 35, und zu jeder Zahl gehörte eine Filmgattung. Fiel die 19, kam ein Kurzkrimi, bei der 32 ein Trickfilm, bei der 34 Volksmusik, bei der 31 Tierwelt. Weil niemand vorher wusste, welche fünf Schnipsel an der Reihe sein würden, war die Sendung ein kleines Überraschungsprogramm mit Lottoschein.
Gezogen wurde bis 1984 mit einer hellblauen Plastikkonstruktion, die als „Lotto-Schnecke“ in Erinnerung geblieben ist, gebaut von Werner Dose aus Berlin-Altglienicke. Eine Kugel lief außen herum und kippte am Fuß eine von 35 nummerierten Klappen um. Traf sie eine Zahl, die schon gefallen war, hieß das „Durchläufer“, und es wurde neu gezogen. 1984 folgte ein Gerät mit gewundenem Glasrohr. Moderiert haben bekannte Schauspieler, Unterhaltungskünstler und Sportler, daneben standen ein Ziehungsleiter des Lottobetriebs und eine Vertreterin oder ein Vertreter des Staatlichen Notariats.
Tele-Lotto ist vielen Ostdeutschen bis heute als Sendung in Erinnerung. Hinter der Sendung stand aber ein Staatsbetrieb mit klaren Regeln, die sich in alten Gesetzblättern nachlesen lassen. Und hinter den Regeln steht eine Rechnung, die auf den ersten Blick sehr zugunsten des Ostens ausgeht. Auf den zweiten Blick ist sie interessanter.
60 Prozent, festgeschrieben im Gesetzblatt
Das staatliche Zahlenlotto der DDR beginnt mit einer Verordnung vom 4. März 1954. Sie führt mit Wirkung vom 1. März ein Zahlenlotto ein, gründet dafür den VEB Zahlenlotto mit Sitz in Leipzig und unterstellt ihn dem Finanzministerium. Paragraf 5 legt fest: „Zur Gewinnausschüttung gelangen 60 % der eingezahlten Spieleinsätze.“ Die Lotteriesteuer wird auf 10 Prozent ermäßigt, der Reinertrag geht an die Räte der Bezirke für das Nationale Aufbauwerk. Ein Satz in Paragraf 1 verrät die Zeit, in der das entstand: Teilnehmen können „alle Bürger Deutschlands“.
1968 werden der Leipziger Lotteriebetrieb und der VEB Sport-Toto Berlin zusammengelegt. Ab 1. Juni heißt der Betrieb VEB Vereinigte Wettspielbetriebe, Sitz Berlin, wieder unter dem Finanzministerium. Sein Statut im Gesetzblatt vom 3. Mai 1968 übernimmt die Quote: 60 Prozent der Einsätze bei Toto und Lotto sind für Gewinne bereitzustellen. Der Reinertrag fließt teils in Körperkultur und Sport, teils an die örtlichen Staatsorgane „für Maßnahmen im Interesse der Bevölkerung“. Die Bilanz prüft die Staatliche Finanzrevision, und die Mitarbeiter sind zur Verschwiegenheit über alle dienstlichen Angelegenheiten verpflichtet, auch nach ihrem Ausscheiden.
Tele-Lotto war dabei nur ein Spiel unter mehreren. Das „Neue Deutschland“ vom 7. Februar 1983 druckt für eine einzige Spielwoche vier Ergebnisreihen: Zahlenlotto 5 aus 90, Lotto-Toto 5 aus 45, Tele-Lotto 5 aus 35 und ein eigenes 6 aus 49 der DDR mit mehreren Ziehungen. Das bekannteste blieb trotzdem das mit dem Fernsehauftritt.
Zum Vergleich: Bei LOTTO 6aus49 gehen heute 50 Prozent der Einsätze an die Gewinner. Für jede Mark, die im Osten auf den Schein kam, gingen also 60 Pfennig zurück an die Spieler. Bei 6aus49 sind es heute 50 Cent je Euro. Dieser Unterschied ist echt, und er ist der eigentliche Grund, warum man sagen kann, das DDR-Lotto sei für Spieler das bessere Geschäft gewesen.
Wohin das Geld bei 6 aus 49 geht430-mal bessere Chancen - worauf eigentlich?
Fünf Zahlen aus 35 lassen sich auf 324.632 Arten ankreuzen. Die Chance auf fünf Richtige lag also bei 1 zu 324.632. Bei 6 aus 49, wie es im Westen ab 1955 gespielt wurde, sind es 1 zu 13.983.816, rund 43-mal so schwer. Seit 1991 gibt es im Westen die Superzahl, eine zusätzliche Ziffer von 0 bis 9. Der Jackpot verlangt heute sechs Richtige und die richtige Superzahl, Chance 1 zu 139.838.160. Daher stammt die Zahl, die immer wieder zitiert wird: Der Hauptgewinn bei Tele-Lotto war rund 430-mal leichter zu treffen als der heutige Lotto-Jackpot.
Der Vergleich stimmt, aber er vergleicht ungleiche Dinge. Der „Hauptgewinn“ im Osten war ein vergleichsweise kleiner Betrag, der Jackpot im Westen ist ein Millionenbetrag. Und bei den kleinen Gewinnen dreht sich das Bild sogar um:
| Spiel | Höchste Gewinnklasse | Irgendein Gewinn (ab 3 Richtigen) |
|---|---|---|
| Tele-Lotto, 5 aus 35 (1972-1992) | 1 : 324.632 | 1 : 72 |
| 6 aus 49 im Westen (vor der Superzahl 1991) | 1 : 13.983.816 | 1 : 54 |
| LOTTO 6aus49 heute (6 Richtige + Superzahl) | 1 : 139.838.160 | - |
Eigene Berechnung aus den Spielformeln, pro Tipp. Heute zahlt 6aus49 schon für zwei Richtige mit Superzahl, daher fehlt dort der Vergleichswert für „ab 3 Richtigen“.
Mindestens drei Richtige gab es bei Tele-Lotto mit einer Chance von etwa 1 zu 72, beim alten West-Lotto mit etwa 1 zu 54. Einen kleinen Gewinn hatte man im Westen also etwas häufiger. Das kleine Ostspiel war nur ganz oben großzügig - und ganz oben war nicht sehr hoch.
Was ein Fünfer wert war
Ein Tipp kostete eine Mark. Die Gewinne waren Quoten, sie hingen also davon ab, wie viele Spieler sich den Topf einer Klasse teilten. Amtliche Gewinnstatistiken haben wir nicht gefunden, wohl aber ähnliche Angaben in Presse-Rückblicken: etwa 15 bis 25 Mark für drei Richtige, 200 bis 600 Mark für vier und 10.000 bis 20.000 Mark für fünf. Das Statistische Jahrbuch der DDR nennt für 1988 für Vollbeschäftigte in volkseigenen Betrieben ein durchschnittliches Bruttoarbeitseinkommen von 1.280 Mark im Monat, 1972 waren es 818 Mark. Ein Fünfer entsprach Ende der Achtziger also etwa 8 bis 16 Monatslöhnen. Viel Geld, aber kein neues Leben.
Mit diesen Spannen lässt sich nachrechnen, ob die Erinnerungen stimmen. Multipliziert man jeden Gewinn mit seiner Wahrscheinlichkeit, kommt bei den Mittelwerten heraus, dass ein Tipp im Schnitt rund 50 Pfennig an Gewinnen einbrachte. Nimmt man jeweils das untere Ende, sind es 32 Pfennig, beim oberen 67. Die gesetzlichen 60 Pfennig liegen in dieser Spanne. Die überlieferten Beträge passen also zu dem, was das Statut verlangte.
Dieselbe Rechnung zeigt, wohin das Geld ging. Bei den Mittelwerten entfielen rund 54 Prozent der ausgeschütteten Summe auf die Dreier und nur etwa 9 Prozent auf die Fünfer. Tele-Lotto verteilte sein Geld breit: viele kleine Beträge, wenige mittlere, kaum etwas Großes. Bei 6aus49 ist es umgekehrt, ein großer Teil des Topfs landet in den oberen Klassen, die ein einzelner Tipp so gut wie nie trifft. Unsere Auswertung, was ein typischer Tipp tatsächlich zurückbekommt, zeigt die Folgen davon.
Das Ende: 30. September 1992
Mit der Einheit 1990 bekam das Lotto im Osten eine neue Ordnung, denn Glücksspiel ist in Deutschland Ländersache. Die neuen Länder gründeten eigene Lottogesellschaften, Lotto Brandenburg zum Beispiel per Gesellschaftsvertrag vom 3. April 1991, und begannen ab 1991, das westdeutsche 6 aus 49 anzubieten. Die Finanzminister der fünf neuen Länder beschlossen, die alten DDR-Spiele zum 30. September 1992 einzustellen.
Die Sendung überlebte ihr eigenes Spiel. Weil sie beliebt war, führte der Mitteldeutsche Rundfunk „Tele-Lotto“ weiter, nun mit den Zahlen von 6 aus 49, Spiel 77 und Super 6, die schon am Vortag gezogen worden waren. Erst 1997 wurde sie eingestellt. Wer heute 6aus49 spielt, spielt in Ostdeutschland also ein Spiel, dessen Chancen auf den Hauptgewinn rund 430-mal schlechter sind - mit einem Hauptgewinn, der dafür um ein Vielfaches höher ist, und einer Ausschüttung, die zehn Prozentpunkte niedriger liegt.
Was das für Spieler heißt
Bessere Chancen auf den höchsten Gewinn heißen nicht automatisch ein besseres Spiel. Ein Lotto mit wenigen Zahlen kann seinen Hauptgewinn nur klein halten, sonst ginge die Rechnung nicht auf. Was ein Spiel für Spieler tatsächlich besser macht, ist der Anteil der Einsätze, der zurückfließt, und wie er auf die Gewinnklassen verteilt wird. In beidem war Tele-Lotto vergleichsweise freundlich: 60 statt 50 Prozent, und das meiste davon in Beträgen, die tatsächlich jemand gewann.
Ein Verlustgeschäft war es trotzdem. Von jeder Mark blieben im Schnitt 40 Pfennig beim Lottobetrieb, beim Staat, im Sport und bei den örtlichen Räten - beim Spieler kamen sie nicht wieder an. Das gilt für jede Lotterie: Wer spielt, bezahlt für die Spannung, nicht für eine Rendite. Wer merkt, dass aus dem Sonntagsritual mehr wird, findet in unserem Spielerschutz-Hinweis Anlaufstellen.
Wie hätten deine Zahlen bei 6 aus 49 abgeschnitten?
Unser Checker lässt deine Zahlen gegen alle Ziehungen von 6 aus 49 seit 1955 laufen und zeigt dir, was sie gewonnen hätten - und was du dafür eingesetzt hättest.
Quellen: Verordnung über die Errichtung eines VEB Zahlenlotto vom 4. März 1954, Gesetzblatt der DDR 1954, S. 241; Verordnung vom 16. April 1968 und Anordnung über die Bildung eines VEB Vereinigte Wettspielbetriebe vom 20. April 1968 mit Statut, GBl. DDR 1968 Teil II, S. 253-254; Statistisches Jahrbuch der DDR 1989, S. 129 (Bruttoarbeitseinkommen); Neues Deutschland, „Lotto • Toto • 6 aus 49“, 7. Februar 1983; Berliner Kurier, Stefan Henseke, „DDR-Klassiker Tele-Lotto“ (7. September 2024) und „430-mal höhere Gewinnchance“ (24. Juli 2026); fernsehserien.de, „Tele-Lotto“ (Sendestart, Einsatz); Wikipedia, „Tele-Lotto“ und „Lotto Brandenburg“; lotto.de zur Geschichte von 6aus49. Gewinnspannen beruhen auf Erinnerungen in der Presse, nicht auf amtlichen Quoten. Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte: eigene Berechnung.
Hinweis: Glücksspiel kann süchtig machen. Spiele verantwortungsbewusst. Teilnahme ab 18 Jahren. Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken.