Der Irish Hospitals' Sweepstake: Die Wohltätigkeitslotterie, die niemand ganz prüfen konnte
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang betrieb eine private Firma in Dublin für irische Krankenhäuser einen Sweepstake, der weit über Irland hinaus bekannt war - und verkaufte die meisten Lose in Ländern, in denen sie verboten waren. Ihre Abrechnungen bekam jedes Mitglied des Parlaments. Die eine Zahl, auf die es ankam, stand trotzdem nie darin: wie viel die Käufer tatsächlich bezahlt hatten. Was die Protokolle des irischen Parlaments zeigen und was das für alle bedeutet, die heute ein Los für den guten Zweck kaufen.
Ein Sonntag im Januar 1973
Am 21. Januar 1973 druckte der Dubliner Sunday Independent einen Artikel mit der Überschrift „Where the sweep millions go“ - wohin die Sweep-Millionen gehen. Geschrieben hatte ihn der Reporter Joe MacAnthony, und er war rund 8.000 Wörter lang. Sein Gegenstand war der Irish Hospitals' Sweepstake: Lose, verkauft in Großbritannien, Nordamerika und weit darüber hinaus, mit dem Versprechen, dass der Erlös irische Krankenhäuser finanziert. MacAnthonys Befund, so fasste ihn die Irish Times 2011 zusammen: Bei den Krankenhäusern seien weniger als 10 Prozent des eingesammelten Geldes angekommen.
Die Reaktion der neuen Regierung fiel kühl aus. Wenige Wochen nach dem Artikel wurde Liam Cosgrave Taoiseach, also Regierungschef, und berief Paddy McGrath in den Senat - den Sohn von Joe McGrath, einem der drei Gründer des Sweeps. Im Mai erklärte Justizminister Patrick Cooney im Dáil, dem irischen Unterhaus, eine Überprüfung des Sweeps habe für ihn derzeit keine Priorität. Das heiße aber nicht, dass er die Finanzanalyse des Zeitungsartikels akzeptiere. Als ein Abgeordneter im Juli wissen wollte, wie viel die Betreiber seit 1930 an Organisationsgebühren erhalten hatten, verwies Cooney auf die Abrechnungen in der Parlamentsbibliothek. Seine Beamten Summen bis 1930 zurückrechnen zu lassen, habe keinen Vorrang.
Wer heute nachvollziehen will, ob MacAnthony recht hatte, stößt auf dasselbe Problem wie die Abgeordneten damals. Die Antwort steht nicht in den Abrechnungen. Sie steht in einer Lücke davor, die das Gesetz ausdrücklich erlaubte. Diese Lücke ist der eigentliche Grund, sich mit dem Sweep zu beschäftigen - denn dieselbe Frage lässt sich jeder Wohltätigkeitslotterie stellen.
Ein Buchmacher, ein Ex-Minister und ein Captain
Richard Duggan war Buchmacher in Dublin und hatte Erfahrung mit Sweepstakes, also Lotterien, deren Gewinner an den Ausgang eines Pferderennens gekoppelt sind. Seinen ersten veranstaltete er laut dem Dictionary of Irish Biography 1918 für die Hinterbliebenen eines versenkten Postschiffs. In den 1920er-Jahren sammelte er so Geld für Dubliner Krankenhäuser, wurde 1924 wegen eines illegalen Sweepstakes verurteilt und organisierte 1927 trotzdem einen weiteren, diesmal von Liechtenstein aus. Sein wichtigster Markt lag in Großbritannien.
Am 4. Juni 1930 machte ein Gesetz daraus ein legales Geschäft. Der Public Charitable Hospitals (Temporary Provisions) Act war kein Regierungsentwurf, wie der Justizminister im November 1930 betonte, sondern ein Antrag aus der Mitte des Parlaments. Er erlaubte gemeinnützigen Krankenhäusern, mit Genehmigung des Justizministers Sweepstakes abzuhalten, und zog Grenzen: Höchstens 30 Prozent der Einnahmen für Kosten, davon höchstens 7 Prozent für den Veranstalter, mindestens 20 Prozent für die Krankenhäuser. Betrieben wurde das Ganze von Duggans Firma Hospitals' Trust Ltd, zusammen mit Joe McGrath, einem früheren Minister für Industrie und Handel, und dem in Wales geborenen Captain Spencer Freeman. Der erste Sweep lief auf das Manchester November Handicap 1930 und brachte ein Preisgeld von 417.000 Pfund zusammen - 317.000 Pfund mehr, als die Organisatoren erwartet hatten.
Das Gesetz war befristet bis Juli 1934. Schon im Juli 1933 löste es der Public Hospitals Act ab. Unter ihm und seinen Nachfolgegesetzen floss der Überschuss jedes Sweeps in einen Hospitals Trust Fund, verwaltet von Treuhändern, die der für Gesundheit zuständige Minister ernannte, und die geprüften Abrechnungen jedes Sweeps gingen an jedes Mitglied des Parlaments. Auf dem Papier sah das alles sehr offen aus.
Verkauft, wo es verboten war
Das Geschäftsmodell beruhte darauf, dass fast niemand die Lose dort kaufte, wo sie legal waren. Bis Ende 1934 verkaufte der Sweep die überwältigende Mehrheit seiner Lose in Großbritannien, wo sie verboten waren, schreibt die Historikerin Marie Coleman. London reagierte 1934 mit dem Betting and Lotteries Act, der den Verkauf irischer Lose eindämmen sollte, und die britischen Einnahmen brachen ein. Verkauft wurde auch in Nordamerika, und in den USA galt noch immer das Verbot, das auf die Louisiana-Lotterie gefolgt war. Noch 1976 stammten nach Angaben des früheren Justizministers Desmond O'Malley rund 90 Prozent der Verkäufe aus dem Ausland, vor allem aus Nordamerika, Großbritannien und Nordirland.
Zu Hause war der Sweep eine Institution. Er sponserte 30 Jahre lang eine allabendliche Sendung auf Radio Éireann, deren Hauptzweck laut Dictionary of Irish Biography der Losverkauf in Großbritannien war. Die Gründer investierten ihre Gewinne in irische Firmen: 1932 kauften sie die Irish Glass Bottle Company, über die 1950 Waterford Glass dazukam. 1962 machte das Geld des Sweeps das Irish Derby zum damals höchstdotierten Rennen Europas, fortan unter dem Namen Irish Sweeps Derby.
Warum Lotterien in den USA verboten warenDie Zahl, die niemand prüfte
Die Lücke steckt in einem kurzen Absatz, der schon im Gesetz von 1930 stand und 1933 als Abschnitt 2 übernommen wurde. Er legte fest, wie die „Einnahmen aus dem Losverkauf“ zu berechnen sind, auf die sich alle Prozentgrenzen bezogen: Freilose für Verkäufer zählen nicht mit, und vom Nennpreis aller übrigen Lose werden vorher sämtliche Provisionen, Verkäuferprämien und sonstigen Vergütungen abgezogen. Was Agenten und Verkäufer einbehielten, tauchte in der geprüften Abrechnung also gar nicht erst auf.
Wie groß dieser Teil war, wusste niemand außerhalb der Firma. Das sagte 1976 kein Kritiker von außen, sondern Desmond O'Malley, der bis 1973 selbst Justizminister gewesen war und jeden Sweep hatte genehmigen müssen. Im Dáil erklärte er, weder die Prüfer noch der Minister könnten die Höhe dieser Ausgaben kennen. Er selbst habe sie nie erfahren, eine Pflicht zur Auskunft gebe es nicht. Er könne nicht beweisen, dass der Absatz missbraucht worden sei. Bekannt sei aber, dass im Ausland erhebliche Zahlungen geflossen seien, völlig legal. MacAnthony hatte 1973 geschätzt, dass die tatsächlichen Bruttoerlöse etwa ein Drittel über der verbuchten Zahl lagen.
Minister Cooney hielt dagegen. Entweder sei die Zahl aus der Zeitung erfunden, oder O'Malley sei in seinem Amt völlig machtlos gewesen. Er selbst habe Informationen verlangt und genug bekommen, um überzeugt zu sein, dass nichts Illegales geschehe. Öffentlich machte er sie nicht. Die Frage, wie viel ein Los tatsächlich einbrachte, blieb damit für die Öffentlichkeit offen.
Ein Sweep, nachgerechnet
Für einen Sweep lassen sich die Zahlen vollständig nachlesen: das Cambridgeshire-Rennen vom Oktober 1975, das erste, bei dem ein Los 2 statt 1 Pfund kostete. O'Malley zitierte die geprüfte Abrechnung im Juni 1976 im Dáil.
| Cambridgeshire 1975 | Betrag | Anteil |
|---|---|---|
| Loserlöse laut Abrechnung | 3.382.000 Pfund | 100,0 % |
| Ausgezahlte Gewinne | 1.331.000 Pfund | 39,4 % |
| An die Krankenhäuser | 741.000 Pfund | 21,9 % |
Loserlöse nach Abschnitt 2 des Public Hospitals Act 1933, also nach Abzug aller Verkaufsprovisionen. Der Rest ging vor allem an Verkäuferprämien, Kosten der Betreiber und Stempelsteuer. Nach Abzug der Verkäuferprämien blieben 3.297.230 Pfund.
Von jedem verbuchten Pfund kamen also rund 22 Pence bei den Krankenhäusern an. Die Rechnung geht genau auf: Seit der Preiserhöhung mussten mindestens 30 Prozent der Nettoeinnahmen in den Krankenhausfonds und an die Staatskasse gehen, ein Viertel davon als Stempelsteuer. 30 Prozent von 3.297.230 Pfund, davon drei Viertel - das sind gut 741.000 Pfund.
Stimmt MacAnthonys Schätzung von einem Drittel mehr Umsatz, dann hatten Käufer nicht 3.382.000 Pfund bezahlt, sondern rund 4.509.000 Pfund. Dann wären es 16 Pence je Pfund gewesen, gut 33 Pence von einem 2-Pfund-Los. Das ist eine Rechnung mit einer geschätzten Zahl, und wie MacAnthony auf seine „weniger als 10 Prozent“ kam, lässt sich ohne seinen Originalartikel nicht nachvollziehen. Sie zeigt aber, wie viel von der unbekannten Größe abhing: Je nach Annahme liegt der Anteil für den guten Zweck zwischen einem Fünftel und einem Sechstel oder darunter.
Was die Krankenhäuser bekamen - und die Betreiber
Zur Fairness gehört die andere Seite der Rechnung. Bis einschließlich zum Sweep auf das Irish Sweeps Hurdle 1975 hatte der Krankenhausfonds laut Justizminister insgesamt über 81,5 Millionen Pfund erhalten. Für 1930 bis 1984 nannte der Gesundheitsminister 1985 knapp 105 Millionen Pfund für das Gesundheitswesen. Selbst O'Malley räumte ein, dass das Krankenhausbauprogramm nach dem Zweiten Weltkrieg ohne das im Krieg angesparte Sweep-Geld nicht möglich gewesen wäre. Für 1976 schätzte er den Beitrag allerdings nur noch auf gut 1 Prozent der irischen Gesundheitsausgaben.
Die offiziell ausgewiesenen Gebühren der Betreiber waren dagegen bescheiden: O'Malley bezifferte die Organisations- und Verwaltungsgebühr bis etwa Ende 1973 auf gut 10 Millionen Pfund, nach Cooneys Angaben rund 2 Prozent der Erlöse. O'Malley fügte hinzu, dass andere Einnahmen, die den Betreibern aus dem Sweep zufließen mochten, darin nicht enthalten seien. Die Kosten, die die Betreiber abrechneten, lagen bis 1973 bei etwa einem Viertel der Nettoeinnahmen. Dann stiegen sie, während die Verkäufe fielen - US-Bundesstaaten und Kanada hatten eigene Lotterien gegründet:
| Sweep | Kosten der Betreiber |
|---|---|
| Jeder Sweep bis 1973 | ca. 25 % |
| Cambridgeshire 1974 | 32,46 % |
| Irish Sweeps Hurdle 1974 | 32,19 % |
| Lincoln 1975 | 34,44 % |
| Irish Sweeps Derby 1975 | 35,68 % |
| Cambridgeshire 1975 (erstes 2-Pfund-Los) | 30,05 % |
| Irish Sweeps Hurdle 1975 | 34,25 % |
Anteil an den Nettoeinnahmen laut geprüften Abrechnungen, ohne Organisationsgebühr. Gesetzliche Obergrenze: 30 Prozent. Quelle: Justizminister Patrick Cooney im Dáil, 16. Juni 1976.
Was über 30 Prozent hinausging, mussten die Betreiber selbst tragen. Statt den Sweep schließen zu lassen, an dem damals fast tausend Arbeitsplätze hingen, hob das Parlament die Grenze 1976 auf 40 Prozent an. Der Anteil für Krankenhäuser und Staat stieg dabei auf mindestens 30 Prozent, der Gewinntopf schrumpfte entsprechend.
Das Ende kam mit der Staatslotterie
Am 17. Oktober 1985 verkündete die irische Regierung ihren Beschluss, eine nationale Lotterie zu gründen. Betreiben sollte sie nicht der Sweep, sondern eine Tochter der Post, An Post. Den letzten klassischen Sweep veranstaltete die Firma auf das Irish Sweeps Hurdle im Januar 1986. Im selben Monat stellte sie rund 200 Beschäftigte frei, nach Angaben eines Abgeordneten meist Frauen, viele mit 30 oder 40 Dienstjahren. Einen Plan für Sweeps im Zweiwochentakt lehnte der Justizminister ab, weil er die neue Lotterie nur doppeln würde. Im März 1987 ging Hospitals' Trust (1940) Ltd in die freiwillige Liquidation.
Ein Teil der Geschichte ging dabei buchstäblich unter. Joe McGraths private Papiere lagerten im Gebäude des Hospitals Trust in Ballsbridge. Als der Fluss Dodder im August 1986 über die Ufer trat, wurden sie zerstört.
Die Staatslotterie, die 1987 startete, kennen Spieler heute vor allem durch Irish Lotto. Das Prinzip ist dasselbe geblieben, ein Teil des Einsatzes finanziert gute Zwecke. Anders ist, wer nachzählt.
Die Geschichte von Irish LottoWas das für Spieler heute bedeutet
Heute schreibt das irische Lotteriegesetz von 2013 vor, dass im Jahresschnitt mindestens 50 Prozent der Einnahmen als Gewinne ausgezahlt werden. Laut Lizenz gehen 65 Prozent dessen, was nach den Gewinnen übrig bleibt, an gute Zwecke. 2023 waren das 227,9 Millionen Euro - fast 30 Cent von jedem eingesetzten Euro, gemessen am gesamten Umsatz. Die Lehre aus dem Sweep gilt für jede Lotterie, die mit einem guten Zweck wirbt:
- 1Frag, welcher Anteil beim guten Zweck ankommt - und wovon. Die Prozentzahl einer Wohltätigkeitslotterie sagt wenig, solange unklar ist, ob sie sich auf alles bezieht, was Spieler bezahlt haben, oder auf einen Betrag, der übrig bleibt, nachdem Verkäufer und Agenten ihren Teil hatten. Beim am besten belegten Sweep gingen 22 Pence von jedem Pfund in den Büchern an die Krankenhäuser. Wie viel von jedem tatsächlich bezahlten Pfund, konnte niemand außerhalb der Firma sagen.
- 2Frag, wer prüft. Abrechnungen, die zwar veröffentlicht werden, aber auf einer Zahl beruhen, die niemand prüft, wirken transparent, ohne es zu sein. Die heutige irische Staatslotterie hat eine Aufsichtsbehörde, deren Leute jede Woche Spiel für Spiel nachrechnen, wie die Einnahmen auf Gewinne und gute Zwecke verteilt werden. Auf diesen Unterschied kommt es an, nicht auf die Höhe der beworbenen Prozentzahl.
- 3Lies die Gewinnbedingungen. Den beworbenen Superpreis von 400.000 Pfund zahlte der Sweep als 75.000 Pfund in bar plus Leibrente für den Rest. Der Minister nannte das eine Steuererleichterung für die Gewinner, versicherte, der volle Betrag sei garantiert, und zweifelte nicht daran, dass man einem Gewinner, der alles in bar wollte, entgegenkommen würde. Viele Lotterien werben bis heute mit einer Summe, die nicht dem Barbetrag entspricht.
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Quellen: Public Charitable Hospitals (Temporary Provisions) Act 1930, Abschnitte 5, 9 und 11, und Public Hospitals Act 1933, Abschnitte 2, 4, 12, 13, 20 und 23 (Irish Statute Book); Dáil-Protokolle (Oireachtas) vom 26. November 1930 (Justizminister Fitzgerald-Kenney), 10. Mai und 5. Juli 1973 (Justizminister Cooney), 16. Juni 1976 (zweite Lesung des Public Hospitals (Amendment) Bill: Cooney, O'Malley u. a., mit den Zahlen der Abrechnungen von 1972 bis 1975), 20. November 1985 (Gesundheitsminister Desmond), 28. Januar 1986 (Arbeitsminister Quinn), 18. Februar und 2. Dezember 1986 (Justizminister Dukes, Abgeordneter V. Brady), 8. Dezember 1987 (Gesundheitsminister O'Hanlon); Dictionary of Irish Biography, Einträge zu Richard Joseph Duggan (Marie Coleman), Spencer Freeman und Joseph McGrath; Marie Coleman, „The Irish Hospitals Sweepstake in the United States of America, 1930-39“, Irish Historical Studies 35 (2006); Joe Joyce, „Then & Now: Joe MacAnthony“, The Irish Times, 5. März 2011; Joe MacAnthony, „Where the sweep millions go“, Sunday Independent, 21. Januar 1973 (zitiert nach DIB, Irish Times und Dáil-Protokoll); Regierung Irlands (gov.ie), Pressemitteilung zum National Lottery Good Causes Report 2023 (27. Dezember 2024). Pfundbeträge in irischen Pfund zum jeweiligen Zeitpunkt, nicht inflationsbereinigt; Anteile eigene Berechnung.
Hinweis: Glücksspiel kann süchtig machen. Spiele verantwortungsbewusst. Teilnahme ab 18 Jahren. Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken.